Land lässt sich nutzen, Öl nur verbrauchen
Gesellschaftlicher Stoffwechsel: Lernen von der Landwirtschaft
Bettina Dyttrich, 1. Mai 2026
«Wir verbrauchen die unersetzbaren Rohstoffe unseres Planeten in einem Tempo, das im Blick auf kommende Generationen nicht zu verantworten ist.»
Ich möchte mit einem Zitat beginnen. Wir sind uns wohl alle einig hier, dass diese Aussage zutrifft. Interessant ist, von wem sie stammt: nämlich von Friedrich Traugott Wahlen, Bundesrat zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und bekannt für den sogenannten Plan Wahlen, mit dem der Bund versuchte, die Selbstversorgung der Schweiz mit Nahrungsmitteln zu erhöhen. Auch mitten in Zürich, vor dem Opernhaus, wuchsen Kartoffeln. Wahlen war im BGB, der heutigen SVP – heute nicht unbedingt die Partei, von der man solche Aussagen erwartet.
Das Zitat stammt von 1971, als der Nachkriegsboom die Schweiz, ihre Wirtschaft, ihren Alltag und auch die Landwirtschaft radikal verändert hatte. Auch Wahlen hatte während des Krieges auf Pestizide und industrielle Methoden gesetzt, um mehr Nahrungsmittel zu produzieren. Aber offenbar hatten ihn die Jahrzehnte des Booms – der ja kurz darauf mit der Ölkrise zu Ende ging – nachdenklich gemacht.
Wir wollten für diese Veranstaltung auch den Historiker Juri Auderset einladen, der über genau diese Themen forscht. Im letzten Jahr sind zwei Texte von ihm erschienen, die ich euch empfehlen möchte. Der eine im Buch «Schweizer Kapitalismus» mit dem Titel «Der metabolische Riss durch die Schweiz». Der andere im Buch «Mehr!» über den Wirtschaftsboom, dort geht es darum, wie die Industrialisierung der Landwirtschaft das Denken über Landwirtschaft veränderte – und umgekehrt – und wie sich manche auch dagegen wehrten. Juri kann leider nicht kommen.
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Ich schreibe seit zwanzig Jahren über Ökosysteme, Ressourcen und Landbau. Und ich beschäftige mich schon viel länger damit. Auf dieser Grundlage versuche ich hier ein paar Aussagen zu machen.
Oft werde ich gefragt: «Warum schreibst du über Landwirtschaft?» Darauf gibt es verschiedene Antworten.
Meine Mutter war ein Bauernkind. Dank ihr verstand ich schon sehr früh, wie radikal sich die Landwirtschaft in wenigen Jahrzehnten verändert hatte. Ich musste nur den Hof meines Onkels – Eternit, Beton und ein grosser Teerplatz – oder die mit Klärschlamm verklebte Wiese vor der Tür mit dem vergleichen, was sie erzählte: von Pferdewagen, Knechten und Mägden, Margeriten auf den Wiesen.
Als ich in die Primarschule kam, wurde vor dem Hof, auf dem sie aufgewachsen war, ein Autobahnzubringer gebaut. Ein paar tausend Hochstammbäume weniger. Das war kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl, dem Chemieunfall in Schweizerhalle bei Basel, dem Waldsterben. Ich habe seit der ersten Klasse Angst um die Welt.
Es ging also um Landwirtschaft, aber noch viel mehr.
Im Gymnasium interessierte ich mich für Landwirtschaft, weil ich so etwas wie unentfremdete Arbeit suchte. Ich ging dann heuen auf einem Tessiner Maiensäss.
Als ich Journalistin wurde, begann ich mich mit Agrarpolitik zu beschäftigen, weil ich eine Position suchte, hinter der ich stehen konnte. Die Medien bildeten meistens nur zwei Positionen ab: jene des Bauernverbandes und jene der SP bzw. der Leute, die «Mehr Markt und mehr Ökologie» forderten. Beide fand ich nicht überzeugend, also begann ich zu suchen – in einer Zeit, als sich kaum jemand von links mit Landfragen beschäftigte und es in der Deutschschweiz noch keine Solawis gab.
Beides ist heute zum Glück anders.
In der Landwirtschaft kommt viel zusammen, das über sie hinausweist: Lebensgrundlagen, Ökosysteme, Biodiversität, Pflanzen, Tiere, Pilze, Menschen, Arbeit, Gesundheit … Es geht um etwas sehr Grundlegendes. Trotzdem hat Landwirtschaft in der Konsumgesellschaft ein seltsames Image. Man kann sie irgendwie nicht ganz ernst nehmen. Sie ist ein merkwürdiges Hybridding: nach den heute geltenden ökonomischen Massstäben unrentabel und ineffizient, sie passt nicht wirklich in die Wirtschaft hinein. Ein Teil davon wird unter Politik, ein Teil unter Wirtschaft, ein Teil unter Konsum und Lifestyle abgehandelt. Unter Linken ist sie verdächtig, Bauern gelten als reaktionär, zumindest im deutschsprachigen Raum, zum Teil gilt schon die Beschäftigung mit Boden als anrüchig, wegen der Nazis. Irgendwo zwischen Folkloreverdacht und Tierquälerei. Das alles verstellt den Blick auf das, was es von ihr zu lernen gäbe.
Im Gegensatz zum Rest der Wirtschaft hängt Landwirtschaft immer noch stark von lebenden und toten Lebewesen ab, von sogenannten «biotischen Ressourcen».
Lebewesen sind ineffizient: Sie sind angewiesen auf Boden, Wasser und Sonnenenergie. Davon gibt es nicht unbeschränkte Mengen und nicht immer gleich viel. Eine Fabrik kann das ganze Jahr rund um die Uhr produzieren – zumindest wenn Energie und Rohstoffe verfügbar sind und die Arbeiter:innen nicht streiken. Eine Kuh oder ein Gemüsefeld kann das nicht.
Vor der Ausbreitung der fossilen Energieträger betraf diese Abhängigkeit die ganze Wirtschaft. Gewerbebetriebe mussten sich ganz andere Fragen stellen als heute: Z.B. wo die Bäume wachsen, deren Holz sie für ihre Öfen brauchen. Und wie das Holz von dort nach hier kommt. In Niedrigenergiewirtschaften lag es auf der Hand, möglichst wenig energieintensive Transportmittel zu brauchen. Sinnlose Transporte waren unbezahlbar. Das ist ein Grund, warum in Europa so viele Kanäle gegraben wurden: Auf dem Wasser kommt man mit derselben Energiemenge viel weiter als auf dem Land.
Historisch gesehen, ist nicht die Landwirtschaft die Anomalie, sondern die Fossilwirtschaft.
Was bedeutet das für uns heute?
Wir sind so gewöhnt an einen Überfluss an billiger Energie (verglichen mit vorfossilen Zeiten), dass wir gar nicht mehr verstehen, wie grundlegend dieser Umbruch war. Und auch nicht verstehen, wie grundlegend der Umbruch sein müsste, der jetzt nötig ist.
Auch die meisten Linken verdrängen diese Frage. Man spricht von netto null und meint «Weiter wie bisher, einfach mit Strom statt Öl.»
Ein Beispiel aus aktuellem Anlass: Durch den Irankrieg wurde gerade deutlich, wie sehr die Welternährung von fossilen Brenn- und Treibstoffen abhängt. Die sogenannte Grüne Revolution hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die ganze Welt von synthetischem Stickstoffdünger abhängig gemacht. Dafür wird mit dem Haber-Bosch-Verfahren Ammoniak direkt aus Luft und Wasserstoff synthetisiert. Das braucht Unmengen an Erdgas: für den Wasserstoff und für die benötigte Energie.
Im Prinzip wäre dieses Verfahren auch ohne fossile Energieträger möglich: Indem man zuerst mit Hilfe von sogenanntem grünem Strom Wasserstoff synthetisiert. Aber die benötigten Energiemengen sind gigantisch, und weltweit ist die Stromversorgung noch sehr weit weg von klimaneutral.
Dazu kommt: Auch «grün» hergestellter Kunstdünger trägt zur Überdüngung bei, die Boden, Gewässer und Biodiversität schädigt. Und auch eine Stromversorgung auf Basis von Solar, Wasser- und Windkraft benötigt diverse Metalle und Mineralien, die sich nur mit zerstörerischem Bergbau gewinnen lassen. Man kann auch dekarbonisiert sehr viel Schaden anrichten.
Wir haben überall aufgebrochene Kreisläufe – bei den Energieträgern, beim Stickstoff, beim Phosphor, bei Metallen etc. Wir müssen zurück zu Kreisläufen. Wir können dabei von der Landwirtschaft lernen, aber einfach ist es nicht. Es droht nämlich sofort ein altes Problem: die Übernutzung biotischer Ressourcen.
Wir haben uns so sehr an die fossilen Brennstoffe gewöhnt, dass sinnvolle Nutzung von biotischen Ressourcen heute manchen als Skandal erscheint.
Ein simples Beispiel: Wer Holz braucht, muss Bäume fällen. Seit einigen Jahren berichten Forstfachleute, dass sie bei der Arbeit beschimpft, zum Teil fast schon tätlich angegriffen werden. Seit der Pandemie hat das offenbar stark zugenommen, weil mehr Menschen in den Wald gehen. Auch die WOZ erhält immer wieder einmal Mails von Leuten, die sich darüber empören, dass in einem Wald in ihrer Nähe Bäume gefällt werden.
Es ist verständlich, wie diese Empörung entsteht: Wir sehen all die wirklich zerstörerischen Prozesse nicht mehr, von denen unser Konsum abhängt. Fast alles ist ausgelagert und unsichtbar geworden. Wir sehen die Brutalität der Industrieproduktion nicht mehr. Die Brutalität des Verkehrs verdrängen wir irgendwie. Jeder grosse Eingriff sieht aus wie Zerstörung.
Um zu verstehen, welche Eingriffe vertretbar sind, ist eine wichtige Unterscheidung nötig: jene zwischen Nutzen und Verbrauchen.
Öl, Erdgas, Kohle kann man nicht nutzen, nur verbrauchen. Einen Wald, einen Acker, ein Gewässer lässt sich nutzen, ohne dass die Ressourcen darauf und darin verbraucht werden. Das wäre die Bedeutung von Nachhaltigkeit, wie sie einmal gemeint war, bevor der Begriff total verwässert wurde. Biotische Ressourcen lassen sich nachhaltig nutzen, ohne dass sie zur Neige gehen – weil ihre Grundlagen lebendige Ökosysteme sind.
Es gibt diese weit verbreitete Erzählung, den Menschen sei der Umstand, dass fossile Energieträger begrenzt sind, und die Umweltverschmutzung überhaupt erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bewusst geworden. Diese Erzählung ist falsch. Die meisten wollten es nicht sehen, das stimmt, aber es gab immer Leute, die auf dieses Problem aufmerksam machten – schon im 19. Jahrhundert. Juri Auderset zitiert in seinem Text «Der metabolische Riss durch die Schweiz» den Physiker Rudolf Clausius, Entdecker des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, der schon um 1885 schrieb:
«Wir haben gefunden, dass unter der Erde Kohlenvorräthe aus alten Zeiten liegen, welche sich im Laufe so langer Zeiträume, dass alle historischen Zeiten dagegen verschwindend klein sind, durch allmähliches Wachsen der damals auf der Erde vorhandenen Pflanzen gebildet und massenhaft abgelagert haben. Diese verbrauchen wir nun, und verhalten uns dabei ganz wie lachende Erben, welche eine reiche Hinterlassenschaft verzehren. (…) Dabei nehmen die kohlenverzehrenden Eisenbahnen, Dampfschiffe und durch Dampfmaschinen getriebenen Fabrikanlagen in Staunen erregendem Masse zu, so dass sich beim Blick in die Zukunft unwillkürlich die Frage aufdrängt, was daraus werden soll, wenn einmal die Kohlenlager erschöpft sind.»
Ähnliche Warnungen gab es während des ganzen 20. Jahrhunderts.
Wenn wir nun weg von den fossilen Ressourcen zurück zu den biotischen Kreisläufen wollen, haben wir ein Problem: Die Materialmengen (sehr reduktionistischer Begriff), die sich nachhaltig entnehmen lassen, sind begrenzt. Sonst ist es keine nachhaltige Nutzung im Kreislauf mehr, sondern Zerstörung eines Ökosystems. Das Misstrauen gegenüber dem Bäumefällen ist so gesehen berechtigt: Wenn alle Bäume gefällt werden, ist es Zerstörung. Es braucht Regeln, wie viel genutzt werden darf, und ich gehe davon aus, dass es in diesem Bereich viele Konflikte geben wird, wenn durch die ökologische Instabilität auch die ökonomische zunimmt.
Diese Begrenzungen sind uns in der Fossilwirtschaft sehr fremd geworden. Wegen dieser Grenzen können wir nicht einfach fossile Ressourcen durch biotische ersetzen. Wir können nicht gleich viele Häuser bauen, einfach aus Holz statt aus Beton. Wir können auch nicht die heute üblichen Mengen an Billigkleidern einfach zu 100 Prozent aus Pflanzen herstellen. (Auch heute noch sind viele Kleider aus Pflanzen, und Baumwolle ist wohl die landwirtschaftliche Kultur, die am meisten Schaden überhaupt anrichtet. Auch hier zeigt sich deutlich eine Grenze.)
Die Idee, dass man einen Teil des Raums ausbeutet und einen anderen unter Naturschutz stellt, konnte erst in der Fossilwirtschaft entstehen. Davor war fast jedes Ökosystem – ausser es war extrem abgelegen – verflochten mit menschlicher Nutzung. Und oft wurden die Ökosysteme durch die Nutzung sogar vielfältiger.
Vielleicht geht ihr in diesem Kanton manchmal in den Wald. Vielleicht seht ihr dort lichte Föhrenwälder mit wenig Unterholz. Am Boden wachsen Gras und Blumen. Es sieht sehr schön aus. Das ist ein Beispiel eines Ökosystems, das früher durch intensive Nutzung entstand: Man trieb Kühe und Ziegen zum Weiden in den Wald, sammelte Brennholz, Laub und Nadeln. Heute wird diese Nutzung aufwendig imitiert, oft von Zivildienstleistenden. Es ist ökologisch wertvolle Pflegearbeit, aber ohne materiellen Ertrag, und jetzt mit dem Anti-Umwelt-Backlash kommt sie unter Druck.
Liesse sich das auch anders organisieren? Als Teil einer Nutzung statt einer reinen Landschaftspflege?
Zum Anti-Umwelt-Backlash: Ich arbeite an einem längeren Text, in dem ich versuche zu verstehen, was da auf uns zukommt und wie das eigentlich alles zusammenhängt. Antifeminismus, die Angriffe auf die Umweltpolitik, der Hass auf alles Queere. Europa besinnt sich auf die harten Technologien des 19. und 20. Jahrhunderts: Öl, Stahl, AKW. Die grüne Nationalrätin Marionna Schlatter sagte kürzlich zur WOZ, sie erkenne auch etwas Kulturkämpferisches in diesem AKW-Eifer von rechts:
«Offenbar wünschen sich manche wieder mehr mächtige und zentralisierte Kraftwerke, von denen wir alle abhängig sein sollen.»
Es geht um Geschlechterbilder und Freiheitsbegriffe, um Care-Fragen, es geht um die Angst, das Konsumniveau nicht mehr halten zu können – was schon einmal in den Faschismus führte –, es geht vor allem auch darum, dass die billige Natur da draussen, die man sich aneignen konnte, langsam aufgebraucht ist.
Aus all diesen Gründen sollten wir uns mit dieser Komplexität beschäftigen. Der Komplexität der Ökosysteme, der Lebewesen, der Wechselwirkungen zwischen menschlichen Tätigkeiten und der Biosphäre. Wir sollten versuchen, das alles so gut wie möglich zu verstehen (ganz verstehen lässt es
sich nie). Wir sollten diese Unterschiede zwischen biotischer und fossiler Wirtschaft, zwischen Nutzen und Verbrauchen verstehen. Ohne dieses Verständnis lässt sich – auf ganz vielen Ebenen – keine sinnvolle Politik machen.
«Der Kapitalismus hat nicht nur Grenzen, er existiert überhaupt nur aufgrund von Grenzen, über die hinaus er sich von einem Raum zum nächsten ausbreiten kann. (…)
Wir gehen davon aus, dass soziale Unruhen das Schicksal eines 21. Jahrhunderts ohne Grenzräume billiger Natur sein werden.»
Raj Patel, Jason W. Moore: Entwertung. Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen.
Und ich finde, wir sollten uns nicht nur intellektuell, sondern auch sehr praktisch damit beschäftigen: mit den Händen, mit dem Körper. Zum Beispiel in der Mitarbeit in einer Solawi. Denn über den Körper können wir anderes lernen als in der intellektuellen Beschäftigung. Ausserdem hilft diese Arbeit gegen die Verzweiflung.
«Warum kann die Arbeit mit der Landschaft das Gefühl entstehen lassen, wieder Möglichkeiten zu haben?»
Anna Lowenhaupt Tsing: Der Pilz am Ende der Welt