Endlich war es wieder einmal möglich: ein Sommer auf der Alp Lenges! Nach acht Jahren «Pause» (Abschluss von Studium, Geburt von zwei Kindern, Aufbau von basimilch etc.) konnten wir es uns einrichten, drei Monate Zeit für die Kühe, das Käsen und die Berge zu nehmen. Für meine Frau, Anita, und mich war es ein Bisschen wie wieder nach Hause kommen. Ich war zwischen 2005-2010 im Sommer schon auf der Alp Lenges und Anita hat mich immer wieder besucht und unterstützt – und im 2010 haben wir die Alp gemeinsam (mit einer weiteren Person) gemacht.

Die Alp Lenges liegt ganz am Ende vom Obergoms, zwischen Oberwald und dem Furkapass. Ursrprünglich (d.h. bis vor 8 Jahren) hatte die Alp drei Staffel bzw. Hütten auf ca. 1900, 2100 und 2300 m.ü.M. Im Allgemeinen sind die Hütten eher einfach eingerichtet – und zum Teil in einem nicht so guten Zustand. Und weil immer höhere Standards von der Lebensmittelkontrolle und dem Alppersonal verlangt werden, wird nur noch in den zwei unteren Hütten gemolken und gekäst. Weil die Aussicht von der obersten Hütte am schönsten ist, fand ich das immer wieder schade. Aber wer weiss – vielleicht wird es irgendwann wieder möglich sein… Auf der Alp sömmern normalerweise ca. 25-30 Milchkühe (dieses Jahr waren es 26), ca. 15 Rinder und ca. 20 Pferde. Gemolken wird draussen auf einem Melkstand unter einem grossen Zelt und gekäst wird (drinnen) über dem Feuer. Der Käse ist ein würziger Gommeralpkäse, der sehr cremig ist und dementsprechend jung gegessen werden kann – aber auch mit über einem Jahr sehr lecker ist. Der Käse wird mit einem Pferd oder Maultier (oder auf dem Rücken mit einem Räf) von der mittleren Hütte zum unteren Staffel transportiert, wo auch der Käsekeller steht. Arbeit hat es für viele Leute. Aber Platz und Lohn hat es eigentlich für 2-3 Personen. Leo, unser Mitälpler, war vor allem für die Tiere und Zäune verantwortlich; gemolken haben er und ich; und Anita und ich waren für das Käsen und die Käsepflege zuständig.

Im Allgemeinen muss ich sagen, dass wir einen sehr tollen Sommer hatten! Das warme und trockene Wetter ermöglichte es uns viel draussen zu sein – ohne pflotsch nass zu werden und sehr kalt zu haben. Und trotz der Trockenheit hatten wir doch genug Wasser für die Tiere und Menschen. Und dazu (fast) keine Krankheiten und Unfälle und keine Probleme beim Käsen oder im Keller. Abgesehen von dem besonderen Wetter, war dieser Sommer für mich auch speziell, weil ich zum ersten Mal mit meinen zwei Kindern (Moira und Bruno; 3 und 5 Jahre alt) auf der Alp war. Abgesehen von der vielen Arbeit, hatte ich davor vielleicht am meisten Respekt. Obwohl wir mit vier Erwachsenen gestartet sind, waren wir schon nach zwei Wochen nur noch drei, weil eine Person krank wurde. Das bedeutete, dass wir Erwachsene mehr leisten mussten und weniger Zeit für die Kinder hatten. Im Nachhinein muss ich sagen, dass das relativ gut ging, aber ich muss zugeben, dass es nicht einfach war. Stress und Streit gehörte zum Alltag. Und trotzdem machten die Kinder immer wieder mit: Sie halfen beim Kühe Holen und Treiben, Melken, Holzhacken, Feuer-Machen, Pferde und Rindli Zählen und vieles mehr. Aber am liebsten sind sie auf den Pferden zum Käsekeller runter und wieder hoch geritten. Das haben sie gut und gerne gemacht!

Manchmal habe ich mich gefragt, wieso Menschen so etwas überhaupt machen. Diesen riesigen Aufwand für ein bisschen Käse. (Dieses Jahr produzierten wir 1,8 Tonnen; in anderen Jahren hatten sie bis zu 2,3 Tonnen auf der Alp Lenges). Das viele Zügeln: von Zürich nach Oberwald, dann von Oberwald in die unterste Hütte und dann in die mittlere und dann alles wieder runter und zurück in die Stadt. Immer wieder zusammenpacken und auspacken und wieder zusammenpacken. Kilometer von Zäunen aufstellen und wieder abbauen. Aber auch der Alltag ist geprägt von Sisyphusaufgaben: immer wieder Kühe holen, melken, käsen, abwaschen, aufräumen, kochen, hochlaufen, runterlaufen, kurz schlafen und alles wieder von vorne… Und dazu die einfache Einrichtung der Hütten – und geschweige denn vom eher niedrigen Lohn. Aber trotzdem macht das ganze irgendwie unglaublich Sinn: die Verwendung und Pflege von Ressourcen (Weiden), welche die Natur uns schenkt, die Herstellung von hochwertigen Lebensmitteln, die körperliche Arbeit mit und ohne Tieren… Und überhaupt die Unmittelbarkeit des Lebens. Das Leben wird mit allen Sinnen wahrgenommen und allen Muskeln empfunden. Die Präsenz und Kraft des Körpers wird einem wieder bewusst. Die Beine sind müde vom vielen Laufen, der Haut ist rötlich von der heissen Sonne, die Lungen füllen sich mit der kalten Morgenluft, der Kopf ist Müde vom wenig Schlaf, die Augen brennen vom Rauch in der Käserei – und staunen über die Schönheit der Berge und der Tiere. Die Aufgaben wiederholen sich ständig und doch machen sie irgendwie Sinn. Es ist die Arbeit, welche das Leben bzw. das biologische Fortbestehen in der Zeit überhaupt ermöglicht. Sie macht mich physisch stark und emotional demütig. Ich fühle mich nicht nur mit den vielen anderen Menschen auf der Erde verbunden, die auch solche Reproduktionsarbeit leisten, sondern auch mit der ganzen Menschheitsgeschichte, die sich vor allem mit solchen Aufgaben beschäftigten – und oft beschäftigen müssten. Aber es entsteht auch eine Verbundenheit mit den Tieren, der Gegend, der Natur – und natürlich auch mit den Lebensmitteln, die wir nun mit den vielen Erinnerungen und voller Freude geniessen können.

Aber dieses wiederholende und kreisförmige Wirtschaften steht im direkten Gegensatz zur sonstigen Wirtschaft, welche Profit und unendliches ökonomisches Wachstum als höchstes Gut definiert. Während das «immer wieder» die eigene Existenz ermöglicht, verlangt das unendliche Wachstum «immer mehr» vom Leben. Gemäss dieser Wachstumslogik wird der Sinn von den reproduzierenden Tätigkeiten hinterfragt und ausgehöhlt. Aber das Wachstum höhlt nicht nur den Sinn dieser Reproduktionsarbeit aus, sondern auch die Energiereserven der Lebewesen und Ökosysteme dieser Erde. Zurück im Stadtleben frage ich mich nun wieder über den Sinn des Lebens. Stress und Streit gibt es immer noch, aber die Profitwirtschaft gibt mir paradoxerweise auch mehr Komfort und Zeit. Ich habe mehr Zeit um zu schlafen, für meine Kinder, Emails zu beantworten, Freunde zu treffen, zu lesen und andere Interessen nachzugehen – aber die tiefe Befriedigung der körperlichen und (re)produzierenden Arbeit fehlt mir. Vielleicht schaffe ich es doch wieder einmal z’Alp zu gehen…

Aber bis dann gibt es zum Glück basimilch! Denn bis zum nächsten Alpsommer kann ich die sinnstiftende Verbundenheit auf dem Basihof und in den feinen basimilch Produkten wieder erleben – zwar nicht so intensiv, aber trotzdem als reale Erfahrung von einem Teil des Lebens. Und als Erinnerung für alle basimilch-Mitglieder haben wir mit den Kindern 6 kg Heidelbeeren auf der Alp Lenges gesammelt und als Fruchtzusatz für basimilch Joghurt eingekocht. Dieses Jahr hatte es besonders viele, schöne Heidelbeeren – wir hoffen, dass es euch schmeckt!

Text und Fotos: Lukas Peter