Ich finde Regula Rieser im Stall, mit ihren Teamkollegen Madlaina und Paulin füttert sie gerade Heu an die Kühe vor dem Abendmelken. Es ist Mitte August und auf der Alp da Sevgein auf 1774m oberhalb Ilanz ist das Futter knapp geworden. Auch hier in der Surselva ist es diesen Sommer viel zu trocken – als Folge gibt es weniger Gras auf den Alpweiden, die Kühe geben weniger Milch. Konsequenz: ein um rund 10 Tage kürzerer Alpsommer als üblich, viele Kühe die früher trockengestellt werden und natürlich auch ein kleinerer Ertrag beim Alpkäse.

Aber wenden wir uns ab von den Auswirkungen des heissen Sommers 2018 und dafür Regulas Alpalltag zu! Regula war schon vorher z’Alp, auf der Gemeindealp von Sevgein ist sie aber zu ersten Mal. Sennerei und Stall liegen an einem weiten Hang, umgeben von Wald, der Blick geht weit hinüber nach Flims und Laax, ins Vorderrheintal und ins Val Lumnezia. Die Alp ist eher klein für Bündner Verhältnisse, 38 Milchkühe und rund 20 Galtkühe sömmern hier, dazu werden 17 Schweine mit der anfallenden Molke gemästet. Die Kühe gehören vier Bauern aus Sevgein.

Im Alpteam sind die Arbeiten klar aufgeteilt. Sennin Madlaina ist schon den 7. Sommer hier und kennt sich bestens aus. Sie melkt morgens und abends mit, käst und buttert, schmiert den Käse im Keller (während der Sommerferien unterstützt von ihrem Mann). Regula ist Hirtin, melkt morgens, mistet den Stall aus zusammen mit Paulin, schaut den Schweinen (Streicheleinheiten inklusive) und steigt regelmässig zu den Galtkühen am Cauma hoch, wenn’s sein muss zweimal am Tag (eine Kuh hat frisch gekalbt). Um die Arbeit besser zu bewältigen, teilt sie sich ihre Stelle mit Paulin, dafür nimmt sie einen kleineren Lohn in Kauf. Paulin melkt abends, wäscht Milchgeschirr vor, hilft in der Käserei als Zusenn, und macht Weidepflege. Seit Ende Juli wird nur noch jeden zweiten Tag gekäst und gebuttert, die Arbeitstage werden allmählich etwas entspannter. Aber lange sind sie immer noch: Madlaina beginnt schon früh um 3.30 Uhr zu werken in der Sennerei, Paulin ist sowieso Frühaufsteher und holt die Kühe im Dunkeln von der Weide, Regula darf jeden zweiten Tag bis 4.45 Uhr «ausschlafen» und kommt dann zum Melken.

Sennerei und Stall stehen parallel zueinander mit Front gegen das Tal, die Gebäude wurden vor 30 Jahren neu gebaut. Davor liegt ein grosser betonierter Platz, der Misthaufen und ein massiver Brunnen, an dem die Tiere trinken können und das Milchgeschirr vorgewaschen wird. Die Sennerei ist grosszügig und hell eingerichtet, modern mit Dampfkessel und 1200-Liter Käsekessi (dieses ist eigentlich heute zu gross, aber bis vor einigen Jahren wurden noch 50-60 Milchkühe gesömmert). Bis zum Käsen wird die Milch in der Kühlwanne im Milchzimmer gelagert. Der Raum bleibt dank Quellwassertrögen immer kühl, hier steht auch Madlainas Butterfass. Neben der Sennerei gibt es eine gemütliche Wohnküche, Vorratsraum und ein Badezimmer.

Nach dem Melken treibt Regula die Kühe auf die Tagesweide. Je nachdem, wo diese gerade liegt, brauchen Menschen und Kühe Ausdauer und gute Nerven. Wenn sie sich zu den Galtkühen aufmacht im oberen Teil der Alp, packt Regula das Fernglas, einen Kübel Salz und wenn nötig Medikamente in ihren Rucksack. Über den Gesundheitszustand und anderes, was die Tiere betrifft, ist sie immer in Kontakt mit den Besitzern oder dem Tierarzt. Auch das ist ein Teil der Alparbeit. Oben auf der Galtkuhweide hält sie Ausschau nach «ihren» Tieren. Jede einzelne Kuh kennt Regula mittlerweile mit Namen, schaut sich jede gut an, spricht mit ihr und tastet das Euter ab, verteilt Salz. Sie nimmt sich gerne Zeit für die Tiere, und da die Kühe weit verstreut weiden, dauert der Kontrollgang 2-3 Stunden. Ab und zu kann Regula hier oben am Cauma auf 2200m auch Hirsche, Birkhühner oder Schneehasen beobachten oder findet ihre Spuren.

Mir gefiel es sehr auf der Alp da Sevgein, ich habe schnell gespürt, dass das Alpteam wohl ist zusammen und topseriös arbeitet. So kann der Alpsommer nur ein Erfolg werden – Trockenheit hin oder her!

Text und Fotos: Rosmarie Minder