Im Januar nahm ich teil am Lehrgang in Solidarlandwirtschaft, kurz Solawi, und war bereit für Neues. Nach dreizehn Jahren an der Uni wollte ich praktisch aktiv werden. Während dem Solawi-Lehrgang haben wir den Hof im Basi besucht und von der gerade anlaufenden Kooperative gehört. Begeistert von basimilch, und mit der Idee mich auf meinen Alpsommer vorzubereiten, habe ich noch am gleichen Abend eine Anfrage für ein Praktikum abgeschickt. Kaum eine Woche später stand ich das erste Mal aufgeregt bereit.

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Die Feinheiten des Käsens

Am Eingang zur Käsi werden die Schuhe gewechselt, der grosse weisse Gummischurz umgebunden und ein Käppi aufgesetzt. Und dann tritt man ein in eine andere Welt mit ihrer eigenen Sprache. Einlaben, Bruch waschen, Ausrühren, Pressen, Drehen, Absäuren. Es braucht Zeit die Worte zu hören, einzuordnen und immer besser zu begreifen. Und so habe ich nun nach drei Monaten das Käsen für mich verstanden: Stellt Euch ein Kochrezept von mehreren Seiten Länge vor, bei dem jeder kleinste Handgriff seinen Sinn hat und vorgegeben ist. Das Rezept ist nirgends aufgeschrieben, sondern ist im Gedächnis der Käser_in, die sich jede Bewegung für ihre Käserei zurechtgelegt hat. Die Käser_in ist Meisterin über ein ganzes Heer von Bakterien. Zu Abermillionen stehen sie bereit, die Guten und die Schlechten. Mit der Wahl von Temperatur und Zeit lässt sie die Guten so richtig aufleben, und die ungewollten Bakterien werden mit für sie unwirtlichen Bedingungen in Schach gehalten. Und die Alltags-Bakterien, die dürfen schon gar nicht rein. Das Hygienekonzept ist strikt.

Ein Beispiel aus dem Skript des Käsens ist “das Rührwerk anstellen“: das Rührwerk kalt abspülen, ohne irgendwo anzuschlagen den Stab mit Flügeln am Drehwerk über dem Käsekessi befestigen, gekonnt rütteln falls er klemmt, den Rührwerkschalter bedienen aber nur mit der linken Hand, Rührgeschwindigkeit erst ein bisschen schneller fürs gute Anlaufen, danach zurück auf Position zwei und erst über die Zeit wieder schneller werden, und dann mit der Plastikschaufel in der Rechten die Masse am Kessirand vorsichtig lösen und in Schwung bringen, und nicht vergessen die Schaufel vorher abspülen. Auch nach Wochen stolpern meine Gedanken durch das seitenlange ungeschriebene Käserezept. Beim Basitaler wird schneller gestoppt, beim Älpler höher erhitzt, und wie war das mit dem Raclettkäse? Ganz langsam kann ich erste Handgriffe selbst übernehmen. Für ein paar Minuten bin ich im Zusenninen-Element wenn ich den gepressten Leibern die Ränder schön abschneide und sie transportbereit machen für den Weg rüber in den Käsekeller wo das Salzbad wartet.

Bestseller im Käsekeller

Der liebste Ort ist mir der Käsekeller. Da trainiere ich für die Alp: Body Building beim Jonglieren mit den Käsebrettern. Jeden Tag werden die vielen Käse geschmiert, das heisst mit Salzlösung abgebürstet. Mutschli schmieren ist wie ein ausgedehntes Einturnen mit Leichtgewichten. Dann aber geht es in den hinteren Teil des Kellers mit den goldenen Leibern der Basitaler. Drei mal sechs Kilo auf einem Brett auf Augenhöhe, da komme ich ins Schwitzen. Vom Büroleben gestraft mit zwei gstabigen schwachen Armen, finde ich in der Not Strategien wie ich so ein Brett mit Verstellen und Wuchten aus dem Gestell und wieder hinein heben kann. Aber mit fortschreitendem Praktikum hebt es sich immer eleganter. Im Käsekeller wird schön stetig mit den Händen gearbeitet und man hat den Kopf frei für eine der Radiosendungen, für die im sonstigen Leben nie Musse ist. Und so reifen sie mit der ganzen unglaublichen Dichte des Schweizer Radioprogramms in Deutsch und Französisch, diese Käse im Basi. Falls um 9 Uhr morgens geschmiert wird, fliesst Ernsthaftes in den Reifeprozess ein, z.B. über eine Ausstrahlung von Kontext. Hin und wieder kommt eine Prise Französisch dazu. Und geht es auch manchmal flott und rund mit srf 3, die Ehrfurcht davor, wie Delikat das Schmieren ist, die bleibt: die tagtägliche Sorgfalt entscheidet, ob in vielen Tagen, Wochen oder sogar Monaten etwas wird aus dem Käse. Der Schreck sass tief, als mir ein Brett kippte und zwei grosse frische Basi Älpler über den Boden rollten. Seither sind die beiden Älpler in Quarantäne und werden erst als Letzte geschmiert.

Von den ehrbaren Schmierern

Aber am allerwichtigsten und daran gibt es nichts drum rum zu reden, basimilch das war Seelenheil pur für mich. Nie vorher hatte ich ausschliesslich mit Leuten zu tun mit so konsequent eigenen Lebensläufen: Die Menschen bei basimilch haben mutige Brüche und Neuanfänge hinter sich, haben „Lebenslauflücken“ voll von Alpsommerglück, und investieren unbeirrt in die Suche nach Lebenssinn und -form, für sich selbst, aber auch als mögliche gesellschaftliche Wege, die unbedingt selbst ausprobiert werden. Das ist genau das was ich suchte für meinen eigenen Moduswechsel. Ich wollte weg von der Vorwurfskultur, wo „d Ohrfige“ stetig von einem zum anderen geht, wo ich mich selbst drin verheddert hatte, und rein in eine positive Schlaufe. Ich liebe es, Dinge gemeinsam anzupacken. Es wird gewirkt und ausprobiert, aber auch immer zusammen nach Lösungen gesucht: viel diskutiert, laut gedacht, eine Erfahrung zur anderen gestellt, die Politik beigezogen, und auch mal Vorwürfe auf den Tisch gebracht. Zum Trost wird zum Kaffi in der Sentimentalitätenkiste geschnaust und sich an etwas Herzerwärmendes erinnert.

Es hat unglaublich Spass gemacht mit euch von basimilch zusammenzuwirken: mit der super Truppe auf dem Hof und in der Käsi, während den abendlichen Sitzungen mit der Betriebsgruppe und an Samstagen mit den Genossenschafterinnen. Ich hatte das Gefühl meine kleine Veränderung zu leben und das Neue mitzuleben was bei basimilch entsteht. Ein ganz herzliches Danke an alle Beteiligten. Ich freue mich schon jetzt darauf, euch, nach meiner Sömmerung auf der Alp wiederzusehen.